Grandioser Narzissmus erklärt: Warum Beziehungen mit Menschen mit grandiosem Narzissmus aus dem Gleichgewicht geraten können

Grandioser Narzissmus erklärt: Warum Beziehungen mit Menschen mit grandiosem Narzissmus aus dem Gleichgewicht geraten können

Narzissmus verstehen – psychologisch erklärt anhand von Stromberg (Teil 8)

Hinweis: Stromberg ist eine fiktive Fernsehfigur. Die folgenden Beobachtungen dienen ausschließlich der Veranschaulichung psychologischer Konzepte und stellen keine Diagnose dar. Die Figur wird genutzt, um typische Dynamiken des grandiosen Narzissmus verständlich und alltagsnah zu erklären.

Im letzten Artikel haben wir uns angeschaut, warum Menschen mit grandiosem Narzissmus das eigene Verhalten oft nur schwer hinterfragen und weshalb dadurch der eigene Anteil an wiederkehrenden Konflikten leicht übersehen werden kann.

Damit sind wir bei einer Frage angekommen, die viele der bisherigen Themen dieser Blogreihe miteinander verbindet.

Was passiert eigentlich mit einer Beziehung, wenn über längere Zeit vor allem eine Person bestimmt, was wichtig ist, wie Situationen bewertet werden und wessen Wünsche den größeren Raum bekommen?

Für Betroffene kann mit der Zeit ein schwer greifbares Gefühl entstehen:

Die Beziehung fühlt sich nicht mehr ausgeglichen an.

Schauen wir deshalb ein letztes Mal auf Stromberg.

„Herr Stromberg, können wir noch mal kurz über die Präsentation sprechen?“

Der Kollege steht mit einigen Unterlagen vor seinem Schreibtisch.
Stromberg schaut auf die Uhr.

„Wenn’s sein muss. Aber machen Sie keinen Mehrteiler draus.“

„Ich habe die Zahlen für morgen noch einmal komplett überarbeitet.“

Stromberg nimmt die Unterlagen entgegen und blättert kurz hindurch.

„Na also. Geht doch.“

Der Kollege zögert.

„Ich wollte Sie eigentlich noch um etwas bitten.“

Stromberg schaut auf.

„Ja?“

„Ich habe die letzten Abende ziemlich lange daran gesessen. Wäre es in Ordnung, wenn ich die Ergebnisse morgen selbst vorstelle?“

Stromberg lehnt sich zurück.

„Nee, das machen wir mal lieber nicht.“

„Warum?“

„Na, weil da oben Leute sitzen, die wollen schon jemanden sehen, der so ein bisschen … Führung ausstrahlt.“

Der Kollege schweigt einen Moment.

„Aber die Auswertung stammt komplett von mir.“

Stromberg nickt.

„Ja, eben. Ist doch super.“

„Sie machen die Arbeit, ich verkaufe das Ganze. Arbeitsteilung.“

Er grinst.
Der Kollege versucht es noch einmal.

„Mir wäre es trotzdem wichtig, dass meine Arbeit auch als meine wahrgenommen wird.“

Stromberg seufzt.

„Jetzt seien Sie doch nicht immer so empfindlich.“

„Wenn die Präsentation gut läuft, profitieren wir doch alle davon.“

„Und wenn ich da vorne stehe, dann sieht das für die Abteilung einfach besser aus.“

Für Stromberg scheint die Sache damit geklärt.
Der Kollege hat Zeit investiert.
Die Zahlen aufbereitet.
Die Präsentation vorbereitet.
Und trotzdem entscheidet Stromberg, wer am Ende sichtbar wird.
Nicht, weil der Kollege nichts beigetragen hätte.
Sondern weil Stromberg die Situation vor allem danach bewertet, was für ihn selbst sinnvoll erscheint.

Das Verhältnis von Geben und Nehmen gerät dabei zunehmend aus dem Gleichgewicht.

Wer die Serie Stromberg kennt, kennt solche Momente.

Stromberg erwartet Loyalität.
Unterstützung.
Einsatz.
Und auch Anerkennung.

Doch sobald andere Menschen selbst etwas brauchen, verändert sich das Verhältnis.
Was sie sich wünschen, bekommt weniger Gewicht.
Ihre Erwartungen erscheinen überzogen.
Oder sie sollen Verständnis dafür haben, warum Strombergs Interessen gerade wichtiger sind.

Vielleicht hast du eine ähnliche Dynamik selbst schon erlebt.
Du bist für jemanden da.
Du nimmst Rücksicht.
Du versuchst, Kompromisse zu finden.
Du investierst Zeit und Kraft, damit die Beziehung funktioniert.
Doch irgendwann bemerkst du, dass du selbst immer öfter zurücksteckst.
Deine Wünsche werden verschoben.
Deine Grenzen diskutiert.
Oder von dir wird Entgegenkommen erwartet, ohne dass du dasselbe Maß an Entgegenkommen zurückerlebst.

Vielleicht hast du dich irgendwann gefragt:

„Warum fühlt sich diese Beziehung so einseitig an, obwohl ich ständig versuche, sie gemeinsam zu gestalten?“

Von außen lässt sich eine solche Dynamik schnell mit Egoismus oder mangelnder Rücksichtnahme erklären.

Diese Begriffe beschreiben einen Teil dessen, was sichtbar wird.

Doch reichen sie wirklich aus, um zu verstehen, warum Beziehungen mit Menschen mit grandiosem Narzissmus auf Dauer aus dem Gleichgewicht geraten können?

Was passiert mit einer Beziehung, wenn Geben und Nehmen dauerhaft aus der Balance geraten und die Bedürfnisse beider Menschen nicht mehr gleichermaßen berücksichtigt werden?


Der psychologische Blick

Warum Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten können

Wer die Situation von außen beobachtet, könnte sich fragen:

„Warum kann Stromberg nicht einfach anerkennen, was sein Kollege geleistet hat?“

Schließlich verlangt der Kollege nichts Außergewöhnliches.
Er möchte weder bevorzugt werden noch Stromberg etwas wegnehmen.
Er wünscht sich lediglich, mit seinem eigenen Beitrag gesehen zu werden.

In einer ausgeglichenen Beziehung geht es genau darum:

Nicht nur die eigenen Wünsche und Ziele spielen eine Rolle.
Auch das, was dem anderen Menschen wichtig ist, bekommt seinen Platz.
Beziehungen leben deshalb von Gegenseitigkeit.
Mal braucht der eine mehr Unterstützung.
Mal der andere.
Manchmal stellt man die eigenen Wünsche zurück.
An anderer Stelle erlebt man selbst Entgegenkommen.

Es geht also nicht darum, dass Geben und Nehmen in jedem einzelnen Moment exakt gleich verteilt sein müssen.

Entscheidend ist vielmehr, dass beide Menschen innerhalb einer Beziehung grundsätzlich berücksichtigt werden.

Bei ausgeprägt grandios-narzisstischen Verhaltensweisen kann dieses Gleichgewicht jedoch zunehmend verloren gehen.

Das therapeutische Modell beschreibt verschiedene problematische Verhaltensweisen, die zwischenmenschliche Beziehungen belasten können. Dazu gehören unter anderem Egozentrik, Dominanz, Rechthaberei, Entwertung oder eine ausgeprägte Anspruchshaltung. Solche Verhaltensweisen können dazu beitragen, dass die eigenen Interessen stärker in den Vordergrund rücken und die Beziehung zunehmend nach ihnen ausgerichtet wird.

Damit bekommt auch die Szene mit Stromberg eine andere Bedeutung.

Für ihn scheint zunächst entscheidend zu sein, wer die Präsentation überzeugend vertreten kann und wie die Abteilung nach außen wirkt.

Dass sein Kollege Anerkennung für die eigene Leistung möchte, erhält dagegen weniger Gewicht.

Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer Beziehung, die überwiegend aus der eigenen Perspektive gestaltet wird und einer Beziehung, in der beide Seiten berücksichtigt werden.

In der Therapie wird in diesem Zusammenhang von einer bedürfnisbezogenen Beziehungsgestaltung gesprochen. Gemeint ist damit, das eigene zwischenmenschliche Verhalten auch an den psychischen Grundbedürfnissen der anderen Person auszurichten. Dazu zählen unter anderem Bindung und Nähe, Sicherheit und Kontrolle, Freiheit und Autonomie, Selbstwertgewinn und Selbstwertschutz sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Das kann beispielsweise bedeuten:

Anerkennung auszusprechen.
Grenzen zu respektieren.
Eigenständigkeit zuzulassen.
Unterstützung anzubieten.
Interesse am anderen Menschen zu zeigen.
Oder darauf zu achten, dessen Selbstwertgefühl nicht durch Entwertung oder herablassendes Verhalten zu verletzen.

Es geht also um mehr als die Frage:

„Was möchte ich von dieser Beziehung?“

Ebenso wichtig wird die Frage:

„Was braucht der andere Mensch von mir, damit auch er sich in dieser Beziehung gesehen, respektiert und berücksichtigt fühlt?“

Gerade darin liegt eine wesentliche Voraussetzung für Gegenseitigkeit.

Vielleicht wird dadurch verständlicher, warum Beziehungen mit Menschen mit ausgeprägt grandios-narzisstischen Verhaltensweisen auf Dauer als unausgeglichen erlebt werden können.

Wenn eine Person viel Rücksicht nimmt, unterstützt, Verständnis zeigt oder eigene Wünsche zurückstellt, während ihr selbst deutlich weniger entgegengebracht wird, verändert sich das Verhältnis zwischen beiden.

Die Beziehung beginnt sich zunehmend um eine Seite zu organisieren.

Für das Gegenüber kann daraus mit der Zeit das Gefühl entstehen:

„Ich bin für dich da, aber wenn ich etwas brauche, ist dafür kaum Platz.“

Denn auch wenn psychologische Hintergründe helfen können, ein bestimmtes Verhalten besser zu verstehen, bleiben die Auswirkungen auf andere Menschen bestehen.

Wenn eine Beziehung jedoch von Gegenseitigkeit lebt, stellt sich eine weitere Frage:

Warum kann es bei grandios-narzisstischen Beziehungsmustern so schwerfallen, auch die andere Seite angemessen zu berücksichtigen?

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Warum die Bedürfnisse des Gegenübers in den Hintergrund geraten können

Wenn eine Beziehung zunehmend nach den eigenen Interessen, Erwartungen und Zielen ausgerichtet wird, stellt sich eine wichtige Frage:

Warum kann es so schwerfallen, auch die andere Seite angemessen zu berücksichtigen?

Dabei geht es nicht darum, dass die Wünsche eines anderen Menschen jederzeit erfüllt werden müssen.

Auch in gesunden Beziehungen gibt es unterschiedliche Vorstellungen.
Man sagt Nein.
Man setzt Grenzen.
Und manchmal stehen die eigenen Anliegen im Vordergrund.
Entscheidend ist vielmehr, ob grundsätzlich Raum für beide Seiten vorhanden ist.

Bei grandios-narzisstischen Beziehungsmustern kann genau diese Gegenseitigkeit erschwert sein.

Das therapeutische Modell beschreibt, dass problematische narzisstische Verhaltensweisen zwischenmenschliche Beziehungen beeinträchtigen können. In der therapeutischen Arbeit wird deshalb gezielt daran gearbeitet, das eigene Interaktionsverhalten stärker an den psychischen Grundbedürfnissen der jeweils anderen Person auszurichten.

Was das konkret bedeutet, lässt sich an der Szene mit Stromberg gut erkennen.
Sein Kollege möchte Anerkennung für eine Leistung, die er selbst erbracht hat.

Für Stromberg würde das bedeuten, einen Teil der Aufmerksamkeit abzugeben und dem anderen Raum für dessen Erfolg zu lassen.

Genau darin zeigt sich Gegenseitigkeit:

Nicht jede Anerkennung muss einem selbst gelten.
Nicht jede Entscheidung muss den eigenen Vorstellungen entsprechen.
Und nicht jede Situation muss sich ausschließlich an den eigenen Vorstellungen orientieren.

In der Therapie zeigt anhand der bedürfnisbezogenen Beziehungsgestaltung, wie unterschiedlich die Berücksichtigung des Gegenübers aussehen kann.

Dazu gehört beispielsweise, das „Nein“ einer anderen Person zu respektieren, ihr eigene Entscheidungen zuzugestehen, Anerkennung für ihre Fähigkeiten und Erfolge auszusprechen und Verhaltensweisen zu unterlassen, die ihren Selbstwert beeinträchtigen. Ebenso werden emotionale Unterstützung und die Berücksichtigung dessen aufgegriffen, was der anderen Person guttut.

Damit wird deutlich:

Eine Beziehung wird nicht allein dadurch gegenseitig, dass zwei Menschen miteinander verbunden sind.

Gegenseitigkeit zeigt sich darin, wie beide innerhalb dieser Beziehung miteinander umgehen.

Vielleicht kennst du den Unterschied aus deinem eigenen Leben.

Es macht einen Unterschied, ob jemand deine Grenze akzeptiert oder versucht, sie so lange zu diskutieren, bis du nachgibst.
Ob sich jemand über deinen Erfolg freut oder ihn kleinredet, sobald du Aufmerksamkeit bekommst.
Ob deine Wünsche berücksichtigt werden oder nur dann eine Rolle spielen, wenn sie mit den Vorstellungen des anderen übereinstimmen.
Und ob Unterstützung in beide Richtungen möglich ist oder überwiegend von einer Seite erwartet wird.

Wenn solche Erfahrungen immer wieder auftreten, kann sich die Beziehung zunehmend einseitig anfühlen.

Mit der Zeit kann sich dadurch eine feste Rollenverteilung entwickeln:

Eine Person passt sich zunehmend an, während die andere immer stärker bestimmt, was innerhalb der Beziehung Raum bekommt.

Damit verändert sich nicht nur das Verhalten einzelner Personen.

Das gesamte Verhältnis zwischen beiden verschiebt sich.

Denn die psychologischen Hintergründe zu verstehen bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse, Grenzen oder der Selbstwert des Gegenübers weniger wichtig wären.

Wenn Gegenseitigkeit über längere Zeit verloren geht, stellt sich deshalb eine weitere Frage:

Welche Auswirkungen kann eine solche Beziehungsgestaltung langfristig auf Partnerschaften, andere soziale Beziehungen und den Berufsalltag haben?


Welche Auswirkungen diese Dynamik langfristig haben kann

Wenn Geben und Nehmen über längere Zeit aus dem Gleichgewicht geraten, bleibt das selten ohne Folgen.

Zu Beginn versuchen viele Angehörige, Partnerinnen und Partner noch, einen Ausgleich herzustellen.

Sie suchen Kompromisse.
Versuchen, Konflikte zu entschärfen.
Oder hoffen darauf, dass ihre eigenen Anliegen beim nächsten Mal mehr Raum bekommen.

Bleibt die Beziehung jedoch dauerhaft einseitig, kann sich nach und nach etwas verändern.

Was anfangs noch als einzelne schwierige Situation erlebt wurde, entwickelt sich möglicherweise zu einem festen Muster.

Mit der Zeit kann sich das Verhalten des Gegenübers immer stärker danach ausrichten, Auseinandersetzungen zu vermeiden und die Beziehung möglichst stabil zu halten.

Eigene Wünsche werden vorsichtiger geäußert.
Grenzen lassen sich schwerer aufrechterhalten.
Und manche Themen werden irgendwann gar nicht mehr angesprochen, weil bereits erwartet wird, dass daraus erneut eine Auseinandersetzung entsteht.

Gerade in Partnerschaften kann das dazu führen, dass Nähe und Verbundenheit zunehmend von Anpassung begleitet werden.

Vielleicht überlegst du genauer, wann du etwas ansprichst.

Du fragst dich, ob dein Wunsch wirklich wichtig genug ist.
Oder du gibst nach, obwohl du eigentlich etwas anderes möchtest, weil du die nächste Diskussion vermeiden willst.

Mit der Zeit kann dadurch das Gefühl entstehen, innerhalb der Beziehung immer weniger Platz für die eigene Person zu haben.

Auch im Berufsalltag kann sich ein solches Ungleichgewicht bemerkbar machen.

Kolleginnen und Kollegen übernehmen Aufgaben, ohne dafür angemessene Anerkennung zu erhalten.

Eigene Ideen oder Erfolge treten in den Hintergrund.
Entscheidungen werden einseitig getroffen.
Oder Mitarbeitende vermeiden es zunehmend, Grenzen zu setzen und offen zu widersprechen.

Eine Zusammenarbeit, die eigentlich von gegenseitigem Respekt und unterschiedlichen Stärken profitieren könnte, wird dadurch immer stärker von den Interessen einer Seite geprägt.

Das therapeutische Modell macht deutlich, dass problematische narzisstische Verhaltensweisen zu erheblichen zwischenmenschlichen Schwierigkeiten beitragen können. In der Veränderungsarbeit geht es deshalb unter anderem darum, die psychischen Grundbedürfnisse des Gegenübers stärker einzubeziehen und eine reziproke Beziehungsgestaltung zu entwickeln.

Vielleicht wird gerade dadurch verständlicher, warum eine dauerhaft einseitige Beziehungsgestaltung so belastend sein kann.

Es geht nicht darum, dass jede Entscheidung vollkommen ausgeglichen sein muss.
Und auch nicht darum, ständig mitzuzählen, wer mehr gegeben oder bekommen hat.

Entscheidend ist vielmehr das grundlegende Erleben:

„Gibt es in dieser Beziehung auch Platz für mich?“

Deshalb ist es so wichtig, nicht nur einzelne Konflikte zu betrachten.

Manchmal lohnt sich vielmehr die Frage, welches Muster sich über längere Zeit entwickelt hat.

Werden deine Grenzen respektiert?
Ist deine Eigenständigkeit möglich?
Erfährst du Anerkennung und Unterstützung?
Und dürfen deine Wünsche genauso selbstverständlich Raum bekommen wie die des anderen?

Das erklärt die psychologischen Hintergründe, entschuldigt jedoch keine Beziehungsgestaltung, in der die Bedürfnisse und Grenzen eines Menschen dauerhaft zurücktreten müssen.

Denn Gegenseitigkeit bedeutet nicht, sich selbst immer weiter anzupassen, damit eine Beziehung bestehen bleibt.

Sie bedeutet, dass beide Menschen innerhalb dieser Beziehung Bedeutung haben.

Was lässt sich aus all diesen Erkenntnissen für den Umgang mit grandios-narzisstischen Beziehungsmustern mitnehmen?


Fazit

Der Blick auf den grandiosen Narzissmus macht deutlich, wie wichtig Gegenseitigkeit für tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen ist.

Eine Beziehung lebt nicht davon, dass beide Menschen jederzeit dasselbe geben oder ihre Wünsche immer miteinander übereinstimmen.

Entscheidend ist vielmehr, dass beide Seiten grundsätzlich Raum bekommen.
Dass Grenzen respektiert werden.
Dass Anerkennung nicht nur eingefordert, sondern auch gegeben werden kann.
Und dass Eigenständigkeit möglich bleibt, ohne die Verbindung zum anderen zu gefährden.

Bei grandios-narzisstischen Beziehungsmustern kann genau dieses Gleichgewicht erschwert sein.

Wenn eigene Interessen, Erwartungen und Ziele über längere Zeit stärker im Mittelpunkt stehen, kann sich das Verhältnis zwischen beiden Menschen zunehmend verschieben.

Daraus kann das Gefühl entstehen, selbst immer weniger Platz zu haben.

Das therapeutische Modell setzt deshalb nicht allein beim Verstehen problematischer Verhaltensweisen an. In der Veränderungsarbeit geht es auch darum, den eigenen Beitrag zu zwischenmenschlichen Schwierigkeiten zu erkennen, die psychischen Grundbedürfnisse des Gegenübers stärker einzubeziehen und eine reziproke Beziehungsgestaltung zu entwickeln.

Gerade darin liegt ein wichtiger Gedanke:

Eine Beziehung kann langfristig nicht allein von der Anpassung eines Menschen getragen werden.

Für Angehörige bedeutet das auch, nicht ausschließlich danach zu fragen, warum sich das Gegenüber auf eine bestimmte Weise verhält.

Ebenso wichtig kann die Frage sein:

„Wie geht es mir eigentlich innerhalb dieser Beziehung?“

Kannst du deine Wünsche äußern?
Werden deine Grenzen respektiert?
Darfst du eigene Entscheidungen treffen?
Gibt es Raum für deine Erfolge, deine Gefühle und das, was dir wichtig ist?
Und erlebst du nicht nur Erwartungen an dich, sondern auch Unterstützung und Entgegenkommen?

Die psychologischen Hintergründe grandios-narzisstischer Verhaltensweisen zu verstehen, kann helfen, solche Beziehungsmuster klarer zu erkennen.

Denn Verstehen bedeutet nicht, die eigenen Bedürfnisse dauerhaft zurückzustellen oder eine einseitige Beziehungsgestaltung hinzunehmen.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse, mit denen wir diese Blogreihe langsam abschließen können:

Es geht nicht darum, jede schwierige Situation sofort als narzisstisch einzuordnen.
Und auch nicht darum, einen anderen Menschen mithilfe psychologischen Wissens verändern zu wollen.
Sondern darum, Dynamiken besser zu verstehen, der eigenen Wahrnehmung mehr Aufmerksamkeit zu schenken und zu erkennen, was eine gesunde Beziehung ebenfalls braucht:

Gegenseitigkeit, Respekt, Eigenständigkeit und Raum für beide Menschen.

Denn eine tragfähige Beziehung entsteht nicht dadurch, dass einer immer mehr gibt.

Sie entsteht dort, wo beide Menschen Bedeutung haben.


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Du lernst, deine eigenen Bedürfnisse und Grenzen bewusster wahrzunehmen, schwierige Dynamiken klarer einzuordnen und mehr Sicherheit im Umgang mit herausfordernden Beziehungen zu entwickeln.


Reflexionsfrage

Kennst du Beziehungen, in denen du über längere Zeit das Gefühl hattest, mehr Rücksicht zu nehmen, mehr zu geben oder dich stärker anzupassen als dein Gegenüber?

Was verändert sich für dich, wenn du nicht nur danach fragst, warum sich der andere Mensch so verhält, sondern auch danach, wie es dir selbst innerhalb dieser Beziehung geht?


Zum Abschluss dieser Blogreihe

In den vergangenen acht Artikeln haben wir gemeinsam hinter verschiedene Verhaltensweisen und Beziehungsmuster des grandiosen Narzissmus geschaut.

Im ersten Artikel haben wir verstanden, warum Aufmerksamkeit und Bewunderung für Menschen mit grandiosem Narzissmus eine so große Bedeutung haben können.

Im zweiten Artikel ging es darum, weshalb andere Menschen abgewertet werden und welche Funktion diese Abwertung für den eigenen Selbstwert erfüllen kann.

Im dritten Artikel haben wir beleuchtet, warum Kritik intensive Reaktionen auslösen kann und weshalb daraus Wut, Rechtfertigungen oder Schuldzuweisungen entstehen können.

Im vierten Artikel haben wir uns angeschaut, warum das Bedürfnis nach Kontrolle so ausgeprägt sein kann, weshalb Kontrollverlust als belastend erlebt wird und warum Grenzen oder Entscheidungen anderer schwer zu akzeptieren sein können.

Im fünften Artikel haben wir nachvollzogen, weshalb die Übernahme von Verantwortung schwerfallen kann und warum Fehler stattdessen relativiert, gerechtfertigt oder anderen zugeschrieben werden.

Im sechsten Artikel haben wir betrachtet, warum die Perspektive des Gegenübers aus dem Blick geraten kann und welche Folgen das für gegenseitiges Verständnis und Kommunikation hat.

Im siebten Artikel ging es darum, weshalb das eigene Verhalten nur schwer hinterfragt werden kann, warum der eigene Anteil an Konflikten dadurch leicht übersehen wird und weshalb sich problematische Muster immer wieder fortsetzen können.

In diesem letzten Artikel haben wir schließlich betrachtet, warum Beziehungen mit Menschen mit grandios-narzisstischen Verhaltensweisen aus dem Gleichgewicht geraten können und weshalb Gegenseitigkeit eine so wichtige Grundlage für tragfähige Beziehungen ist.


Damit schließt sich der Kreis dieser Blogreihe

Denn so unterschiedlich Aufmerksamkeitssuche, Abwertung, der Umgang mit Kritik, Kontrolle, Verantwortungsabwehr, fehlender Perspektivwechsel oder mangelnde Selbstreflexion auf den ersten Blick erscheinen mögen:

Sie können miteinander verbunden sein und beeinflussen, wie ein Mensch sich selbst erlebt, mit anderen umgeht und Beziehungen gestaltet.

Psychologisches Wissen kann helfen, diese Zusammenhänge besser zu verstehen.
Nicht, um jeden schwierigen Menschen als narzisstisch einzuordnen.
Nicht, um verletzendes Verhalten zu entschuldigen.
Und auch nicht, um die Verantwortung dafür zu übernehmen, einen anderen Menschen verändern zu müssen.
Sondern um wiederkehrende Dynamiken klarer zu erkennen, der eigenen Wahrnehmung mehr Aufmerksamkeit zu schenken und bewusster darauf zu achten, was du selbst innerhalb einer Beziehung brauchst.

Denn am Ende geht es nicht nur darum, Narzissmus zu verstehen.

Es geht auch darum, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und Beziehungen danach betrachten zu dürfen, wie sie sich auf das eigene Leben und Wohlbefinden auswirken.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, mit der diese Blogreihe enden darf:

Du kannst verstehen, warum ein anderer Mensch sich so verhält, ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, was du selbst brauchst.

Romy Katzberg-Koch

Über Romy Katzberg-Koch

Heilpraktikerin, Gründerin der JustYou-Katzberg Akademie und leidenschaftliche Begleiterin für Frauen auf ihrem Weg zu ganzheitlicher Gesundheit. Mit über 100 Fortbildungen verbinde ich evidenzbasiertes Wissen mit echter Empathie.

Mehr über mich →

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